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Warum KETOGENE Ernährung? Ein Facharzt berichtet.


 Dr. Zvonko Mir

 

  • Geboren  1950 in Zagreb, Medizinstudium in Zagreb mit Abschluss 1974.
  •  Aufenthalt in Zürich/CH , Forschungsarbeit in der Neurophysiologie mit Doktorarbeit.
  • Weiterbildung zu Facharzt für Neurologie und Psychiatrie 1979-1984
  • 1984-1986  Oberarzt in der Psychiatrie, seit 1986 in der Chefarztposition in der neurologischen Rehabilitation: ( Dr. Evers-Klinik Sundern-Langscheid,  Josef-Wolf Klinik Nittenau, Schlossberg -Klinik Bad Laasphe.)
  • Seit 2010 in CH, hier Chefarzt Position in der neurologischen Rehabilitation in Wallenstadtberg und zuletzt Leukerbad.
  •  seit Ende 2013 Arbeit in der Praxis für Neurologie/Psychiatrie Medical Help in Brig/VS und Aarau / AG in der Schweiz.
  • Beschäftigung mit der Rolle der Ernährung in der Behandlung neurologischer Erkrankungen.
  • Erwerb der Fachkunde in der Ernährungsmedizin, seit Ende 2013 intensive Beschäftigung mit der low carb/ketogenen Ernährung.
  • Seit Jahren in Deutschland Gutachter für die Rentenversicherungsträger und Sozialgerichte – Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Neurologische Begutachtung.

 

 KONTAKTAUFNAHME:    dr.mir@medicalhelp.ch

 

 


Herr Dr. Mir, Sie ernähren sich selbst sein einigen Jahren ketogen. Was waren die Auslöser dafür,und welche Erfahrungen, bzw. Ergebnisse konnten Sie in dieser Zeit verbuchen?


Ich habe über ketogene Ernährung zuerst an einer Abschiedstagung von Prof Krämer am Schweizer Epilepsie Zentrum in Zürich in 09.2013 gehört, wo es um die Geschichte der Epilepsie- Behandlung ging.
Vor fast 100 Jahren , genau 1921 hat ein Dr. Wilder in der berühmten Mayo Klinik in den USA, welche übrigens noch heute als eine der besten Kliniken der Welt gilt, beobachtet, dass Kinder mit schwerer Epilepsie, die  aus irgendeinem Grunde nicht essen, also fasten, viel weniger Anfälle hatten.

Während des Fastens kommt es, da keine Kohlenhydrate gegessen werden, zu einer Umstellung des Energiestoffwechsels, also wird Fett als Energiequelle benutzt, was eben viele positive Konsequenzen hat, unter anderem eine Verhinderung der epileptischen Anfälle. Das war der Anfang der ketogenen Diät. Die Bezeichnung ketogen kommt davon, weil in diesem Stoffwechsel aus den Fetten Ketone als Energieträger gebildet werden. Diese können statt Glucose (Zucker) als Energie im Körper von fast allen Zellen, auch vom Gehirn, genutzt werden.

Ich habe mich entschlossen diese Ernährung selbst auszuprobieren und vollzog die Umstellung seit Dezember 2013 konsequent mit Messung der Ketone im Blut zur Orientierung, ob ich wirklich genug Ketone als Energieträger habe.

 

Erwünschter bzw. optimaler Bereich: > 0.5 mmol/l Ketone, optimal 0.5-1.5 mmol/l, die obere Grenze bei ca. 5 mmol/l (die in der Praxis so gut wie nie erreicht wird). 

 

Was es für mich gebracht hat? Gewichtsabnahme um ca. 15 Kg, deutliche Steigerung der Leistungsfähigkeit, Stärkung des Immunsystems (seit mindestens 3 Jahren praktisch keine Erkältungen mehr), Optimierung der Blutfettwerte. Deswegen möchte ich auf die Dauer bei dieser Ernährungsform bleiben.

 

 

 

Können Sie in ein paar Sätzen erklären, wie Ketose/ ketogene Ernährung funktioniert?

Das Wesentliche bei der ketogenen Ernährung ist der Fakt,  dass es zur Umstellung im Energiestoffwechsel kommt, das heißt, dass in der Ketose  

die Energie nicht mehr aus den Kohlenhydraten (Glucose=Zucker) kommt, sondern aus den Fetten gewonnen wird, was ja zu zahlreichen positiven Wirkungen führt:

 

·        die Anfallsbereitschaft bei der Epilepsie  geht zurück

·        Migräne Anfälle vermindern sich deutlich

·        Immunsystem wird gestärkt

·        die Leistungsbereitschaft steigt

·        die Entzündungsbereitschaft im Körper nimmt ab

·        Blutfette normalisieren sich

·        es kommt zur Gewichtsnormalisierung.

 

Aus meiner Sicht und Erfahrung ist es die Ernährungsform, die optimal für den Stoffwechsel ist.

 

Den wesentlichen Vorteil sehe ich aber darin, dass diese Ernährung nicht ideologisch begründet ist, (wie z.B. religiöse Ernährungsformen bei Moslems oder Juden -oder auch Veganismus) sondern rein physiologisch zu beurteilen ist - und so auch jederzeit auf die Wirkung im Labor überprüfbar.

 

Sie empfehlen diese Ernährungsform auch Ihren Patienten: wie reagieren diese darauf und wie ist die Resonanz auf diese ungewöhnliche Therapie-Empfehlung?

Natürlich  empfehle ich die ketogene Ernährung bei  allen  Patienten, für die ich  diese als vorteilhaft ansehe. Ich erkläre dann den Patienten alle möglichen Vorteile, die sie zu erwarten haben, wenn sie die Ernährung einhalten. Ich sage ihnen auch, dass diese Ernährung sehr wirksam sein kann, aber dass die, wenn sie Früchte tragen soll, als Dauerumstellung der Ernährung erfolgen soll.

Ich sage allen Interessierten, dass  für den Erfolg  der Ernährungsumstellung 2 Voraussetzungen notwendig sind: erstens müssen sie einen wichtigen Grund für diese Umstellung haben und zweitens müssen sie im Stande sein, viel Fett zu essen, denn diese Ernährung lebt von Fett,

aus Fett werden die Ketone gebildet, die als Energieträger dienen.

Wenn sich die Patienten dazu entscheiden, dann kommen sie ca. 2-wöchentlich zur Kontrolle, wo sie ihre Erfahrungen berichten, ihre Fragen beantwortet, sowie Glukose und Ketone im Blut gemessen werden, und auch die Gewichtsentwicklung notiert wird.

Und viele entscheiden sich dazu.

 

 

 

Wieso ist die Ketose so wirksam ?

 Die Ketose ist so wirksam, weil es bei der permanenten Ketose zur einer  Keto-Adaption kommt, also einer permanenten Umstellung des Energiestoffwechsels auf Verwertung der Fette als Energie in Form von Ketonen, die z.B. besonders effektiv aus mittelkettigen Triglyceriden (z.B. Butter und  Kokosfett) gebildet werden können . Die Verbrennung von Fetten/Ketonen gibt im Vergleich zur Glukoseverbrennung deutlich mehr Energie und erzeugt deutlich weniger Sauerstoffradikale und oxidativen Stress, ist also eine "saubere" Verbrennung, mit der weniger Entzündung im Körper produziert wird. Diese Tatsache ist besonders wichtig vor dem Hintergrund, dass die schwelende Entzündung im Körper die Grundlage für fast alle degenerative Erkrankungen, insbesondere auch degenerative Hirnerkrankungen ist.

 

 

Bei welchen Diagnosen gab es die signifikantesten Erfolge?

Ketogene Ernährung ist nachweislich wirksam bei der Behandlung der Epilepsie (hier ist die inzwischen offiziell anerkannt) aber auch z.B.  bei der Migräne (die auf Stoffwechselebene starke Ähnlichkeiten mit der Epilepsie hat). Hervorragende Erfolge sind auch in der Behandlung von Diabetes Typ 2 und anderen Komponenten des metabolischem Syndroms  (erhöhte Blutfette, Übergewicht, erhöhter Blutdruck ) und somit auch der Folgekrankheiten wie Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall, periphere Durchblutungsstörung, zu verzeichnen.

Sogar Alzheimer wird heute von immer mehr Wissenschaftlern als Typ 3 Diabetes betrachtet und deswegen vor allem als Störung der Glukoseverwertung und somit als Energieproblem im Gehirn gesehen, und hier können Ketone den gefährdeten Gehirnzellen die dringend benötigte Energie liefern und weiteres Fortschreiten der Erkrankung verhindern.

 

 

Gibt es auch Symptome, die sich für die ketogene Diät als nicht gut geeignet herausgestellt haben?

Ich denke nicht, dass alle Menschen sich kohlenhydratarm oder sogar ketogen ernähren sollen oder müssen, obwohl ich diese Ernährung als die gesündeste betrachte.

 

Wenn jemand aber Kohlenhydrate so verarbeiten kann, dass er weder an Übergewicht, Diabetes, noch  an sonstigen  Krankheiten leidet, dann tut ihm sicher auch gut, wenn er die Menge von Kohlenhydraten, (insbesondere schnell löslichen) in der Ernährung reduziert und mehr Fett zu sich nimmt, ohne eine Umstellung des Energiestoffwechsels auf Fettverbrennung (Ketose) erzielen zu wollen.

 

Können Sie einige Beispiele aus der Praxis nennen? Wo gab es gute Ergebnisse, Verbesserung der Symptome nach der Umstellung?

 

Beindruckende Erfolge habe ich in der Behandlung von Typ 2 Diabetes gesehen, wo ich mittlerweile mehrere Patienten behandle, bei denen der Diabetes Typ 2 inzwischen als geheilt betrachtet werden kann (z.B. Langzeitzuckerwert HbA1c  < oder = 6% ist).

 

Gleichermaßen gilt es für Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, erhöhten Blutdruck - alle diese Störungen bilden sich unter ketogener Ernährung zurück.

 

Wenn man weiß, welche  Folgekrankheiten die diabetische Stoffwechsellage (Überzuckerung im Körper) hat, also: Arteriosklerose - damit einhergehend Herzinfarkt, Schlaganfall, Durchblutungsstörung in den Beinen, Augenschädigung, Nierenschädigung, ja sogar Krebs und Alzheimer, dann kann man erahnen, welche gesundheitliche Verbesserung und damit auch immense Kosteneinsparungen in der Behandlung möglich wären, wenn hier endlich eine richtige Beratung/Behandlung der Diabetiker erfolgt. Diabetes Typ 2 ist heilbar!

 

Ich behandle auch eine jugendliche Epilepsie-Patientin, wo es unter ketogener Ernährung zu einer deutlicher Minderung der Anzahl und Schwere der Anfälle gekommen ist (neben Gewichtsabnahme, Optimierung der Blutfette und Besserung der psychischen Verfassung).

Weiterhin behandele ich mehrere Migräne-Patienten, bei welchen es zur deutlichen Reduktion oder Ausbleiben der Migräneanfälle gekommen ist.

Ebenso behandle ich  mehrere Multiple-Sklerose-Patienten/innen,  wo wir unter dem  ergänzenden Einsatz der  ketogenen Ernährung eine Stabilisierung des Krankheitsverlaufs und insbesondere der Fatigue-Symptomatik (chronische Müdigkeit ) erreicht haben.

 

 

Ich selbst konnte in 12 Wochen ketogener Ernährung feststellen, wie gut es sich anfühlt, wenn keine Kohlenhydrate verdaut werden müssen. Es ist eine ganz neue Art des Wohlbefindens, wenn  man plötzlich kein Grummeln, kein Aufstoßen, keine Blähungen wahrnimmt. Nur eine schönes Gefühl der Leichtigkeit. Am liebsten würde ich dabei bleiben. Spricht was dagegen, dauerhaft ketogen zu essen?

Ja, dem  kann ich nur zustimmen. Optimal ist , was aber erst nach mehrerer Monaten in der Ketose zu erwarten ist, wenn es zur sogenannten Keto-Adaptation kommt, bei der die meiste Zeit und bevorzugt die Ketone als Energiequelle genutzt werden, aber ggf. auch Kohlenhydrate in kleineren Mengen wieder gegessen werden können.

Diese Form der Ernährung kann optimal sein, wenn man Gewichtsregulierung und Optimierung der Leistungsfähigkeit zum Ziel hat.

Bei der Behandlung der Epilepsie ist dies nicht möglich, da muss eine ausreichende permanente Ketose angestrebt werden.

Aber selbst bei dieser "strengen" ketogenen Ernährung sind keine negative Auswirkungen zu erwarten.

 

Es spricht also nichts dagegen und alles dafür sich auf die Dauer low carb oder auch ketogen zu ernähren.

 

In zahlreichen Publikationen wird der hohe Cholesterinwert im Zuge der ketogenen Ernährung und damit einhergehende Verfettung und Verkalkung der Blutgefäße kritisiert. Ist die Art der Fette, die man zu sich nimmt, entscheidend ?

Zum Thema der angeblichen Erhöhung der Blutfette unter ketogener Ernährung:

Es gibt nichts, was mehr falsch sein könnte als diese Behauptung!!!

 

Das Gegenteil ist der Fall: Gesamtcholesterin geht zurück oder bleibt etwa gleich, das (gute) HDL geht hoch, das LDL bleibt etwa gleich (aber es ändert sich in  der Zusammensetzung: es entstehen größere Partikel die nicht mehr schädlich sind).

 

Auch die Triglyceride gehen deutlich zurück. Es kommt also zur Optimierung der Blutfette!

Und das ist überprüfbar: ich lasse ca. alle 3 Monate komplette Labordiagnostik inklusive Blutfette bei meinen Patienten machen, deswegen weiß ich, was ich sage.

Ich empfehle dies jedem auch selbst zu überprüfen - die Effekte der ketogenen Ernährung sind objektiv messbar.

Das Thema Fette ist so spannend und komplex, das sollte man nochmals gesondert besprechen. Hier nur so viel: Alle natürlichen Fette sind gesund - und insbesondere auch die gesättigten Fette wie z.B. Butter, Kokosöl, Schweineschmalz oder Rindertalg - solange sie aus Bioquellen kommen.

 

Bei den hochgelobten ungesättigten Fettsäuren gibt es ja 2 Gruppen: die Omega-3-Fettsäuren (z.B. Fischöl, Leinöl, Hanföl, Rapsöl), und die Omega-6-Fettsäuren (z.B. Sonnenblumenöl, Distelöl, Maiskeimöl). 

Omega-3-Fettsäuren sollten bei den ungesättigten bevorzugt verwendet werden, da sie z.B.  entzündungshemmend wirken.

Omega 6 Fettsäuren sind grundsätzlich entzündungsfördernd, und sollten weniger verwendet werden.

Es gibt noch einfach ungesättigte Fettsäuren, wie z.B. im Olivenöl, was gesundheitlich auch sehr günstig ist.

Zu beachten ist: die mehrfach ungesättigten (Omega-3 und Omega-6) Fettsäuren oxidieren schnell und werden ranzig und dann schädlich, sollen also kühl und dunkel gelagert werden und innerhalb weniger Tage verbraucht werden. Sie sollten auch nicht erhitzt werden - also zum Kochen nicht geeignet

Die einzig nachweislich und anerkannten schlechten Fette sind die sog. Transfettsäuren, die z.B. durch Härtung von pflanzlichen Öle entstehen, damit sie fest werden und z. B. als Margarine verkauft werden. Also Finger weg von Margarine !

Noch ein Hinweis: die Ketone werden am einfachsten aus den mittelkettigen Fettsäuren gebildet, also z. B. aus  Butter, Kokosöl, MCT Öl. Mit ihnen kann die Ketose am ehesten erreicht/erhalten werden.

 

 

Gibt es Erfahrungen in Bezug auf Depressionen? Können Sie etwas dazu sagen?

In Bezug auf die Depressionen gibt es im Moment noch nicht genügend Erfahrungen um  die ketogene Ernährung definitiv zu bewerten.

Teilsymptome der Depression wie Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen bessern sich auf jeden Fall, auch die Stärkung des Immunsystems kann zur Besserung des Gesamtbefindens beitragen.

 

Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich die ketogene Ernährung als sinnvolle Basisbehandlung bei Depressionen einstufen, ohne dass damit Ersatz von Medikation oder Psychotherapie angestrebt werden soll.

 

Was würden Sie all den empfehlen, die sich angesprochen fühlen und es gerne ausprobieren würden? Wie am besten den ersten Schritt machen?

Was ich den Interessierten zum Einstieg empfehle: sie sollten sich fragen, was sie  erreichen möchten, was ist die Motivation?

Und die Frage, ob sie sich vorstellen können, sehr viel Fett zu essen?

Erst wenn beide Fragen mit ja beantwortet werden, lohnt es sich, weiter zu machen.

Es gibt mittlerweile sehr gute, informative Quellen im Internet, wo man Gleichgesinnte findet und Erfahrungsberichte nachlesen kann. Im Internet empfehlenswert: LCHF Forum - da gibt es jede Menge sinnvoller Informationen und Tipps

 

 

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